EISENSTÄDTER FENSTER G'SCHICHTLN

Der Frühling ist ins Land gezogen. Normalerweise würde die Eisenstädter Fußgängerzone zum Leben erwecken, der blühende Schlosspark zu einem Tratscherl mit Freunden und den Kindern einladen. Doch im März 2020 ändert sich die Welt und alles ist anders.

Wie geht es den Menschen in Eisenstadt in Zeiten von Corona? Welche besonderen Geschichten begleiten sie? Wie gestalten sie diese Zeit in den eigenen vier Wänden?

Ich möchte den Eisenstädterinnen und Eisenstädtern ein Gesicht geben, ihre persönlichen Geschichten in dieser schwierigen Zeit erzählen und diese Momente festhalten.

Unterstützt werde ich dabei von der großartigen Texterin Ina Laubner und ihrer Agentur Laubner Content Consulting. Ina Laubner begleitet mich zu den Fenstern und erzählt die Geschichten mit viel Liebe und professionellen Texten.

Homepage Laubner Content Consulting

Bürgermeister Thomas Steiner

Befremdlich, aber nicht mehr ungewöhnlich findet Eisenstadts Bürgermeister den Anblick aus seinem Fenster im Eisenstädter Rathaus.
Die leere Fußgängerzone in den Wochen vor Ostern, nun alle maskiert - Alle auf Abstand.

Dennoch beschreibt er sein momentanes Gefühl um die Situation mit GEMEINSCHAFT –
Nur gemeinsam wird es gelingen die Krise zu überwinden, ist der ÖVP Politiker überzeugt.
Und das, hofft er, wird im Winter gelungen sein. Dann möchte er den Christkindlmarkt mit seiner Beleuchtung, dem großen Christbaum und vielen glücklichen Menschen sehen.

Martina

Nebengebäude, Frühlingsgärten, Familien. Das sieht Anästhesistin Martina, wenn sie aus ihrem Wohnungsfenster schaut. Familie, das ist auch ihr Thema im Moment, denn sie ist im 7. Monat schwanger. Aber einer fehlt: Ihr Verlobter, der Papa ihres Kindes. Ein Australier, am Weg zu ihr, zu seiner ungeborenen Tochter und zur gemeinsamen Hochzeit blieb er im Corona-Chaos in seiner Heimat hängen, bekommt kein Visa mehr.
Martina vermisst ihn. Die standesamtliche Hochzeit im Mai ist abgesagt, ob er es zur Geburt Anfang Juli schafft, ist mehr als fraglich. Und auch beruflich vermisst die junge Frau viel: ihre Kollegen auf der Intensivstation, denn sie kann in dieser fordernden Zeit nicht helfen, aber immerhin ihre Facharztprüfung vorbereiten. Es sei, als ob dem Alltag, der Wind aus den Segeln genommen wurde, sagt sie. Die Rücksichtnahme, das Füreinander, das sollen die Menschen ihrer Ansicht nach behalten. Bis Dezember und darüber hinaus.
Dann möchte Martina als Familie leben. Mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter. Sie ist und sie bleibt guter HOFFNUNG.

Johannes

 

Viele Fragen stehen im Raum. Ein schöner Raum mit großen Schiebefenstern. Er ist hell, modern und voller eleganter Gläser, Dekanter und guter Flaschen Wein. Es ist der Kostraum von Johannes Nehrer. Winzer in St. Georgen am Leithagebirge.

„Wie geht es wirtschaftlich weiter? Wie entwickelt sich der Markt?“. Gedanken, die ihn aktuell täglich begleiten. Während seiner Arbeit im Weingarten – zu der er nun persönlich kommt, was ihn erfüllt und freut. Während seinen Gesprächen mit Letztverbrauchern, die - trotz Abstand - nun viel intensiver geführt werden können.

„Es ist einfach mehr Zeit. Und man fragt sich, wo man diese Zeit früher sonst verloren hat“, sinniert der junge Weinbauer. Zwei große wissenschaftliche Arbeiten können nun endlich finalisiert werden, ein Projekt mit Bio-Help zur besonderen Begrünung der Rebzeilen ist am laufen. Positive Aspekte in einer Zeit, in der die Überlebensfrage täglich gestellt wird.

Der Betrieb wurde auf ein Minimum heruntergefahren und kann so einigermaßen wirtschaften. Eine SCHRÄGE Zeit findet Johannes, aus der die Gesellschaft hoffentlich die nun entdeckte Wertschätzung für die Schönheit der Natur vor der Haustüre mitnehmen kann.

 

Für Dezember wünscht er sich, dass die positiven Aspekte geblieben sind und eine der Fragen, die ihn dann beschäftigt zum Beispiel die ist, welche Flasche Wein die nächste sein soll. Bei seiner wöchentlichen Weinrunde, immer mittwochs, immer in der Selektion.

Agnes Ottrubay

 

Wenn Agnes Ottrubay aus dem Fenster blickt, sieht Sie einen Garten in dem es nur so sprießt und blüht. Eine Terrasse mit großem Tisch, vielen Sesseln. Den braucht Sie in diesen Tagen auch, sind in der Quarantäne doch alle drei ihrer mittlerweile erwachsenen Kinder wieder zu Hause eingezogen. „Ich schäme mich fast, aber ich genieße diese Zeit wirklich sehr“, erzählt die gebürtige Ungarin, die sich als absoluten Familienmenschen sieht.

Selbst im Kommunismus groß geworden, kennt sie (teil-)geschlossene Grenzen seit jungen Jahren. Dennoch hat ihr in dieser Zeit nie etwas gefehlt, sie sei sehr geborgen aufgewachsen und gab das auch weiter. Gleichzeitig erkannte die Gründerin und Vereinsvorständin von Vis Fontis bald, dass nicht alle Kinder diese Chance geboten bekommen. Sie stehen im Zentrum der Arbeit, für sie stehen 50 gepackte Osternestchen bereit, die vor dem Shut-Down nicht mehr zeitgerecht über die Grenze gebracht werden konnten. Sie wären bestimmt für Kinder, die in einem Ostercamp ein wenig „Abwechslung für die Seele“ bekommen sollten.

Hilfe, wie sie bis jetzt funktionierte, nämlich mit viel Engagement vor Ort klappt in Corona Zeiten nicht. Bitter, denn gerade jetzt stehen viele am Existenzminimum lebende Familien vor dem Nichts, die meisten haben ihre Jobs mit ohnehin bescheidenem Einkommen verloren. Mit monetären Spenden, die sonst nicht im Fokus von Vis Fontis liegen, wird nun in Akutfällen unbürokratisch und schnell geholfen.

 

Abseits der verkomplizierten Vereinsarbeit versucht Agnes Ottrubay seit Corona den Tag strukturiert zu leben und genießt es die Familie zu bewirten, Gespräche und Spaziergänge.

Ihren Freundeskreis holt Sie sich per Telefon „nach Hause“ und spürt sehr viel NÄHE, trotz Distanz. Eine Entwicklung, die sie generell gesellschaftlich empfindet.

 

Für Dezember wünscht sie sich Schnee. Und dass mindestens 50 Nikolauspäckchen problemlos und ohne geschlossene Grenzen, ohne sozial grobe Einschränkungen wieder strahlen in die Augen jener Kinder zaubern, die das Wort Krise ihr junges Leben begleitet. Auch ohne Corona.

Ernst Safka

Neue Chancen sieht Ernst Safka, wenn er lächelnd aus seinem Wohnungsfenster in die Siedlung schaut. Bewundernswert, dass jemand wie Ernst so positiv auf die Geschehnisse reagiert, denn denn die Krise hat für ihn sowohl beruflich als auch privat große Auswirkungen.
Als Digitalisierungs-Profi in der technischen Welt zu Hause, was kann einem da ein Shut-Down geschäftlich anhaben, meint man. Man irrt. Er hielt Vorträge und Veranstaltungen. Alle gecancelt. Vereinzelt gibt er Onlineseminare. Sonst herrscht beruflicher Stillstand. Aber auch in dieser Zwangspause sieht Ernst das Gute: zusätzlich vorhandene Zeit nutzt er für eine Job-bezogene Neuausrichtung.
Was, wenn es aus der Politik plötzlich NEIN zum JA-sagen heißt?
Am 25. Juli 2020 heiratet er seine Partnerin. Das steht fest. In welchem Rahmen das ursprünglich große Fest stattfinden soll, ist noch nicht fix. Dass sie Hochzeit stattfindet, steht außer Frage. Die geschenkte Zeit, die er nun mit seiner Frau leben kann, genießt er sehr wenngleich Familie, Freunde und gemeinsame Restaurantbesuche fehlen. Apropos Essen: Die entstehenden Lieferservices hingegen schätzt er, die hätten schon lange gefehlt, sagt er mit einem Schmunzeln.
Ernst sieht einen NEUANFANG in All dem. Dass die Gesellschaft den Weg des Lebensrettens und für unsere Mitmenschen gegangen ist, macht ihn glücklich. Auch er hat seine Linie nachgeschärft, sagt er und sieht Vieles klarer.Für Dezember wünscht er sich, dass sich viel mehr Menschen für ein sozial gerechtes und umweltschonendes (Wirtschafts-) Leben einsetzen. Dass auch die Gesellschaft JA sagt zu Veränderung und daran wächst. Der Probelauf hat ja schon gut geklappt.

Jasmin Sattmann

 

Gerade eben umgezogen, ins „Herz der Stadt“. So bezeichnet Jasmin den Ort, an dem Sie nun mit ihrem vierjährigen Sohn lebt, eine schmucke Wohnung in der Fußgängerzone. Den Alltag hier, stellte sich die junge Mutter geschäftig vor. Lebendig. Laut und bunt. Antrieb gerade auch DIESE Wohnung zu wählen. Und dann kam alles anders. Es kam stiller.

Jasmin fand das anfangs irritierend, mit der Zeit aber immer heimeliger – fast vertraut. Geräusche ihrer Nachbarn – einer Hof-Gemeinschaft in diesem alten Stadthaus - wunderschöne Violinenmusik, plätschern beim Blumen gießen, eine kleine Unterhaltung von Fenster zu Fenster, Brutzeln der Pfannen. Sie hört Leben. Anders als erwartet. Nicht laut, nicht pulsierend, nicht geschäftig, dafür intensiver, wärmer, näher am Menschen.

Der Umzug – Resultat der Trennung von ihrem Partner, aber immer noch besten Freund und tollsten Papa der Welt – fiel für die lebenslustige Kreative plötzlich und UNERWARTET weitaus chaotischer aus, als gedacht. Den Job behalten, dennoch Kurzarbeit – ein paar Stunden die Woche. Hart, wenn man seine Arbeit liebt. 1.000 Fragen des Sohnes, denn für ihn ist es eine völlig neue Lebenssituation, auch ohne Corona-Virus. Und die wiederkehrende Frage: „Werde ich ihm gerecht? Kann ich ihm diese Welt erklären?“

Sie versucht es täglich und ist gemeinsam mit ihrem Ex-Partner als Familie da. Versucht den Verlust von Freunden, Familie und Kindergarten zu kompensieren.

 

Das wird sie auch im Dezember sein. Wenn hoffentlich Glühwein, Punsch und Bratkartoffelduft durch das Dachfenster strömen, Schneeflocken tanzen und Weihnachtslieder erklingen. So, wie es immer war. Und dass die einzige Unsicherheit, die ihren Burschen begleitet die ist, wie viele Runden Karussell es heute sein dürfen.

Gernot  + Simon 

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Nicht nur die Blumen im kleinen Siedlungsgarten der Stefan-Laszlo Straße blühen in der Nachbarschaft von Gernot und Simon auf. Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen, vom „Zaun-Tratscherl“, zum gemeinsam organisierten gebündelten Einkauf und gelebtem „Miteinander“, haben sich intensiviert und bringen die beiden gerade jetzt zum lächeln.

Wenngleich Videocalls zumindest etwas räumliche Nähe vortäuschen, können sie die Sehnsucht nach der österreichweit verstreuten Familie und denjenigen Freunden, die weiter weg als zwei Zaunlängen leben, nicht stillen.

Gewonnene Zeit dient der Entschleunigung und Zweisamkeit. Obwohl sie im Gesundheitsbereich arbeiten – Simon als Arzt, Gernot als studierter Krankenpfleger – kann ihr Alltag gefühlt besser koordiniert werden. Es wird gemeinsam gebacken, gekocht und mit dem Hund spaziert. Nachhaltigeres Leben, bewussterer Konsum und eine sich erholende Umwelt sind direkte Auswirkungen, die beide spüren.

Für den Winter wünschen sie sich einen PERSPEKTIVENWECHSEL:

 

Gespräche nicht mehr nur am Gartenzaun sondern wieder in den Wohnzimmern, ohne Masken und vor allem mit gesunden Mitmenschen - in ihrer Siedlung und einer positiv veränderten Welt.

 

 

Eva Blagusz

„Ich habe mir angeeignet, in einer Krise bis maximal morgen zu denken“, sagt Eva Blagusz. Sie ist systemische Psychotherapeutin mit eigener Praxis. In dieser Rolle wäre ihr diese Denkweise auch durchaus zugestanden. In ihrer Funktion als Obfrau und Geschäftsführerin von pro mente Burgenland  war ihr das aber Alles andere als möglich. Im Gegenteil. Sie musste Entscheidungen treffen, von denen sie erst im Nachhinein wissen wird, ob sie die richtigen waren. Diese Entscheidungen betreffen hunderte Menschen – die pro mente Klienten und ein wahnsinnig tolles Team, wie sie betont. Eva und ihre Mitarbeiter haben sich gut vorbereitet. So gut es geht.

Ihre Praxis ruht aktuell. Da sie derzeit keine Akutpatienten betreut, war das ohne Schwierigkeiten möglich. Von ihren Klienten hatte Keiner vermehrt Probleme mit der Krise. Sie glaubt, dass das „kollektive Krisengefühl“ – allen geht es gleich – individuelle Krisen mit und wegen Corona abschwächt. Denn Jeder muss seine sozialen Kontakte einschränken, Jeder ist mehr zu Hause.

Das nahm Eva auch gerne in Kauf, sieht es als ihren Beitrag der Solidarität für all die Leute an der „Virus-Front“.

Solidarisch zeigt sie sich auch den Eisenstädtern gegenüber. Regional zu kaufen war ihr immer schon wichtig und ist gerade in der Krise noch selbstverständlicher. Auf das erste Eis, das erste Achterl auf der Fußgängerzone freut sie sich sehr. Bis dahin genießt sie die Zeit, die sie nun hat. Fürs Ordnen, Schlichten, Entschleunigen. Im Garten ihres Eisenstädter Stadthauses blüht und summt es, die Vogerl zwischtern. Das Leben fühlt sich nach mehr MUSSE an.

 

Sie hofft, dass sich die Menschen diese nun spürbare Güte und Muße behalten. Bis in den Winter und darüber hinaus. Dass ihre Entscheidungen die Richtigen waren. Und dass man gerne und angstfrei in die Zukunft denkt. Nicht nur bis morgen.

Philipp

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Eine Altbauwohnung im obersten Stock, ungehinderter Blick ins Grün des Leithagebirges. Lebens- und Arbeitsmittelpunkt von Phillipp. Wobei, arbeiten darf er im Moment nicht. Der Tätowierer steht – ein Jahr nach der Eröffnung seines bislang erfolgreichen Studios – vor dem „Nichts“, wie er sagt.

Die Nadel ruht. Schwer, wenn man seinen Job als Vergnügen sieht, das Vertrauen genießt, sich „auf anderen Menschen für immer zu verewigen“, erzählt der Endzwanziger.

Stiche der anderen Art versetzte ihm die Situation, als er auf Einkäufe seiner Mama angewiesen war. Plötzlich nicht mehr unabhängig, kein Geld mehr, die allerletzten Vorräte aufgegessen. Der Härtefallfonds brachte spät aber doch zumindest kurze Überbrückungshilfe.

Hygiene wie Handschuhe und Mundschutz ist Phillipp aus beruflichen Gründen gewohnt.  Seine sozialen Kontakte hat er ob des beruflich bedingten Zeitmangels ohnehin meistens digital gepflegt, so hat sich im Privaten nicht viel verändert. Er ist überzeugt, wenn alle eine gewisse Grundhygiene lebten, wäre es gar nicht soweit gekommen und hofft, die Gesellschaft hat durch Corona auch an Sauberkeitsbewusstsein gewonnen.

Er würde seine Situation als WITZIG beschreiben, aus vollem Erfolg und voller Fahrt zum plötzlichen Break.

 

Im Winter so hofft er, sind Stiche wieder ausschließlich die, die er auf die Haut seiner Kunden setzt und nicht mehr die, die er spürt, wenn er seine Familie um Hilfe bitten muss.

 

 

Familie Schleischitz

Alexandra Schleischitz

Wie in einem unwirklichen Winterschlaf empfindet Alexandra Schleischitz die Atmosphäre, blickt sie von ihrem Haus im Zentrum von Eisenstadt auf die Strasse. Eigentlich ist alles wie immer, nur leerer. Leer ist es bei ihr zu Hause gar nicht. Im Haus wuseln die Töchter Johanna und Priska herum, ihr Mann Harald arbeitet als Lehrer von zu Hause und in ihrem Bauch turnt die dritte Tochter herum. Sie wird im Juli auf die Welt kommen. Da es die dritte Schwangerschaft ist, stressen Alexandra ausgefallene Mutter-Kind-Pass Untersuchungen nicht, sie genießt die Zeit zu Hause. Spiele, für die nie Zeit war, werden gespielt. Es wird gebacken, gekocht und gegartelt. Selbst gemachten Stress – ein Ausflug hier, eine Veranstaltung da – vermissen die Eltern gar nicht. Die heilige Messe am Sonntag zum Beispiel aber sehr wohl, sind doch beide in der Pfarre aktiv.

Überhaupt fehlt das gesellschaftliche Leben: ein Einkaufsbummel ohne störende Maske, ein Kaffetratscherl und den Kindern ihr geliebter Kindergarten samt ihren Freunden.

 

All diese Dinge vermisst die junge Familie. Im Dezember freuen sie sich auf Schnee, auf Menschen, auf Begegnungen in der Pfarre und auf ein Leben zu Fünft. Darauf müssen sie noch etwas WARTEN, das wissen sie. Vorerst bis Juli. Denn dann geht zumindest einer dieser Wünsche bestimmt in Erfüllung.

Sabine und Magdalena Müntz

Wenn Sabine Müntz und ihre Tochter Magdalena aus ihrem Fenster über der Apotheke schauen, empfinden die Beiden das fast wie Urlaub. Das nahe Schloss Esterházy, die schönen Bürgerhäuser der Hauptstraße, flanierende Menschen, strahlender Sonnenschein. Und doch ist der Blick anders als sonst. Bewusster. Selten hatten die Beiden in der vergangenen Wochen Zeit, einfach nur zu schauen. Die Corona-Krise hat die beiden Pharmazeutinnen gefordert. Von der ersten Minute an.

Nicht immer war das Gefühl dabei ein Gutes. „Warum müssen wir an die Front?“, die Frage kam unweigerlich bei Sabine auf. Ein ungutes Gefühl, etwas Angst. In Italien ging Anfang März Nichts mehr, Alle waren am Anschlag. Dieser Blick ins Nachbarland, die Ungewissheit wie es sich in Österreich entwickeln würde, ob genug Medikamente verfügbar sein werden und wie sowohl geschäftlich als auch privat der Alltag aussehen würde, beschäftigten sie.

Der 2-Gruppen-Schichtbetrieb in der Apotheke zur Absicherung der Versorgung im Falle einer Ansteckung unter der Belegschaft brachte viel Freizeit. Zeit, die sonst getaktet und verplant ist. Plötzliche Entschleunigung von Stress, Konsum und bewussteres Leben die angenehme Folge.

Auch Magdalena, in Wien lebend, empfindet seither das „Land“ und die kleine Stadt Eisenstadt als Segen.

Die positiven Aspekte für und in der Gesellschaft und Umwelt schätzen Beide, wenngleich Familie und Freunde fehlen.

Eigentlich zählt Sabine selbst schon zur Risikogruppe, wenngleich ihr das anfangs gar nicht so bewusst war. Selbst selten krank, dachte sie darüber kaum nach. Die Tochter mixte für die Mutter: Immunsystemstärkendes, Vitamine. Mischungen, wie sie sie auch im Winter in der Erkältungs- und Grippesaison empfiehlt.

 

Bis dahin, für Dezember, wünschen sich beide wieder viele Leute in ihrer Salvator-Apotheke. Aber nicht, um sich Medikamente gegen Covid19 oder Grippe zu holen, sondern Öle, Mischungen, Kosmetik und Pflege als Geschenke für Weihnachten. Ein Weihnachten, das hoffentlich entschleunigt und bewusst, aber dennoch mit den Liebsten gefeiert werden kann.

 

 

Eva Steiger Naturgestaltungen Eva Steiger Naturgestaltungen

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Ein wunderbares Erwachen der Natur, sieht Eva Steiger, wenn sie aus ihrem Fenster schaut. Sowohl zu Hause, als auch in ihrem Geschäft in Eisenstadt. Als Floristin ja wenig verwunderlich. Umso verwunderlicher, dass auch Eva heuer dieses Frühlingserwachen einmal richtig bewusst begleiten kann. Etwas, was sie sich lange gewünscht, aber selten die Zeit dafür gefunden hat. Davon hatte sie die letzten Wochen genug.

Das Geschäft geschlossen, keinen Plan wann und wie es weitergehen wird. Die bewusst gesetzte Pause im Jänner, ein kurzer Feber und dann ein abrupter Stopp. Dennoch versuch sie die Entwicklung positiv zu sehen, hofft, dass die Menschen das Entdecken der Natur, das nun stattgefunden hat behalten, und natürlich, dass sie sich diese Natur auch ein Stückweit mit Heim nehmen. Als Strauß oder im Topf, aus ihrer Boutique im Schlossquartier.

„Intensiver“ empfindet Eva heute den Alltag. Irgendwie im WANDEL. Der Blick ist bewusster, wenn sie die Passanten in der Sonne vorbeigehen sieht. Sie werden wieder mehr. 

 

Und auch Sie, so scheint es, erleben alles bewusster. Das möge so bleiben, wünscht sie sich. Auch im Dezember, wenn es draußen nicht mehr so bunt blüht, soll die Zwischenmenschlichkeit weiterwachsen und sprießen und alle etwas mehr vom jetzigen Slow-life leben.

Regina Petrik

Eine Baustelle der OSG. Groß, laut, mit vielen Arbeitern. Das sah Regina Petrik vor ihrem Fenster. Die Baustelle sieht sie immer noch. Allerdings ruht sie. Was für die Politikerin anfangs beruhigend war, ist mittlerweile beunruhigend. Das Gefühl, dass Alles steht, nicht nur am Bau, sondern in der ganzen Welt, machte sich bald breit.

Zum Stillstand gehören auch die eingestellten persönlichen Treffen. Flanieren in der Stadt, einen Kaffee mit Freunden, das vermisst Regina. Den Lärm – ob von der Baustelle oder vom Verkehr hingegen gar nicht.

Mehr zu Hause ist die sonst Umtriebige nun natürlich zwangsläufig. Alle Besprechungen finden per Videochat statt, sie sitzt fast rund um die Uhr am Computer. Tut sie das nicht, hält sie nun noch intensiveren Kontakt mit den Nachbarn, via Balkon oder Garten. Kompensation für den direkten Kontakt den Regina sonst gewohnt ist, die unterschiedlichen Menschen fehlen ihr. Dazu zählen auch ihre Kinder, Umarmungen und lange Gespräche mit ihnen.

Für Dezember und ihren ZUKUNFTSBLICK wünscht sie sich, dass die Baustelle leise ist. Aber nicht, weil sie ruht. Der Lärm soll der Geräuschkulisse des Lebens weichen:

 

die Wohnungen sollen bezogen sein, die Balkone grün und das Gräzel voll Leben.

 

 

Martin Korpitsch

Vor der Krise hat Martin kaum aus dem Fenster geschaut. Nicht, weil der Blick kein schöner wäre, er hatte schlicht keine Zeit, denn er war kaum zu Hause. Als Generalvikar der Diözese ist er ständig auf Achse. Seit beginn der Krise hätte er gerade einmal sein Auto getankt, das stünde sonst alle paar Tage an, erzählt er schmunzelnd.

Auch sonst hat sich viel geändert. Eigentlich der gesamte Alltag. Während er nun endlich Zeit fand seine Wohnung zu inventieren, zu sortieren und schlichten und sich nun wirklich Daheim fühlt, hier in der Bahnstraße, ist auch sein Tagesablauf komplett geändert. Gemeinsame Messen werden online gefeiert. Mit dem Papst und dem Bischof, digital. Dennoch ist man verbunden. So auch mit den Gläubigen, die vor Ostern im ganzen Land immer um 20.00 Uhr mit Gebet, Kerzen im Fenstern und starken Gedanken Gemeinsamkeit leben. Sitzungen und Besprechungen, alles per Video.

Dafür bleibt Zeit zum Radfahren. Täglich dreht er eine große Runde.

Selbst zur Risikogruppe zählend, spürt Martin keine Angst. Er ist überzeugt, wenn alle aufeinander Acht geben und sich schützen, ist das die halbe Miete. Antworten auf das „Warum“ findet er im Glauben nicht, wenngleich er nicht an einen strafenden Gott glaubt. Viel Mehr ist er überzeugt, dass das gestärkte Miteinander ein Weg zur Bewältigung von Angst und der Krise sein kann.

 

Für den Winter wünscht sich Martin, dass nicht nur die besinnliche Adventzeit wieder in gewohntem Rahmen in der Gemeinde gefeiert werden kann, sondern vor allem die Erstkommunionen und Firmungen, die nun verschoben werden mussten, nachgeholt werden können und die Glaubensgemeinschaft so ein Stück weit weiterwächst. So wie in diesen Tagen das Miteinander und Füreinander. Egal ob im Glauben oder auch nur im „einfachen“ Alltag.

 

 

Iris Enz Yoga & Thai Yoga Bodywork & Kathrin Pachinger 

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Gemeinsam ist man weniger allein, vor allem in Quarantäne. Das dachten sich Iris und Kathrin und beschlossen, sie gemeinsam zu verbringen. Vor ihrem Fenster saftiges Grün, viel Licht, viel Sonne. Energiebringer für die beiden Freigeister. Eine ist Yogalehrerin, die andere Künstlerin. Kosmopolit, mal hier, mal da, gerne und lange auf Reisen und plötzlich im kleinsten Mikrokosmos des Hauses eingesperrt.

Meditation, gemeinsamer Sport und viel Lachen helfen und halfen über gelegentliche Angst. Freude ist ansteckend, sind Beide überzeugt. Iris versucht, ihre Kurse online zu halten, konnte endlich Liegengebliebenes wegarbeiten und genießt, nicht mehr so „getaktet“ zu leben. Finanzielle Einbußen, dafür aber jede Menge Erkenntnisse. Etwa, dass ein online gefeierter Geburtstag auch sehr lange und sehr lustig sein kann, dass andere Angebotsstrukturen auch andere Möglichkeiten bieten und dass gewisse Limits auch durchaus angenehm sein können.

Umarmungen fehlen, das Einkaufen hingegen gar nicht.

 

Ihr Motto ist FREIMACHEN. Von Sorgen, von Altlasten und den Kopf lüften. Platz machen für Neues. Für Dezember wünschen sie sich, dass die Menschen sich reihenweise anstecken. Mit Freude und Zusammenhalt, mit Liebe und Lachen. Und nicht mehr mit Corona.

 

 

Regina Rowland

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Wenn Regina aus dem Fenster in den Innenhof ihrer Siedlungsanlage schaut, ist eigentlich alles wie vorher. Die Menschen tun - scheinbar -, was sie immer tun.

Und dennoch ist alles anders.

Denn bislang undenkbare Dinge wurden denkbar. Kein Fliegen, kein Autofahren. Die Umwelt erholt sich. Diese positiven Dinge nimmt Regina freudig wahr.

Privat und vor allem auch beruflich, ist sie doch an der  FH Burgenland als Forschungsbeauftragte im Bereich Nachhaltigkeit „voll an der Materie“. Im Arbeitsumfeld hat sich nicht viel geändert, es findet schlicht noch mehr online statt. Während es die Einen sehr gut aufnehmen, glücklich sind damit, ist es für Andere nicht ganz so leicht zu stemmen. Ein Stimmungsbild unter ihren Studenten – repräsentativ für die gesamte Gesellschaft, vermutet Regina.

Sie vermisst Treffen mit Freunden und der Familie. Dennoch findet sie die aktuelle Veränderung gigantisch. Zu sehen, wie die Natur sich erholt und wie rasch geändertes Handeln Effekte erzielt.

Unendliches Weiterwachsen wäre nicht möglich gewesen, davon ist die Wissenschaftlerin überzeugt. Eine Bewusstseinserweiterung, wie wir Hand in Hand mit der Natur gehen können, war dringend notwendig.

 

In der Krise sieht sie MÖGLICHKEITEN. Möglichkeiten zum Perspektivenwechsel:  wie wir künftig unser Geld mit „besser“ und nicht mit „mehr“ verdienen.  Für Dezember wünscht sich die promovierte Kosmopolitin, dass die Menschen ihre neuen Chancen erkannt haben und diese auch nützen. Und schickt lächelnd ein „don´t miss it“ hinterher.

 

 

Familie Grass

 

In einem heuer außerordentlich gepflegten Garten schaut Familie Gras aus ihrem Wohnungsfenster. Das kleine Stück Grün wird nun nicht nur mehr gepflegt, sondern auch mehr geschätzt. In der aktuellen Situation gilt: besser einen kleinen, als gar keinen Garten. In der Nachbarschaft tummeln sich mehr Menschen vor ihren Wohnungen und drängen nach Draußen - sozialer Kontakt „von Weitem“, in einer Zeit, in der Familie und Freunde vermisst werden. Das Wegfallen des Drucks immer „wo zu sein“, immer „was zu tun“ genießen die Gras´. Ständiges Denken an Masken, Desinfektionsmittel und Stoßzeiten nervt.Silvia begann krisenbedingt im Homeoffice und startet nun wieder im Büro. Thomas konnte noch vor Beginn der Corona-Wirren operiert werden und ist im Krankenstand. Er wird dann ebenfalls von zu Hause aus zu arbeiten beginnen.  Vor allem Kollegen fehlen da sehr. Was anfangs gewöhnungsbedürftig war, gehört nun zur liebgewonnenen Routine: Alle sind zu Hause und haben mehr Zeit. Zeit füreinander. Prioritäten verschieben sich. Es ist die Zeit der VERÄNDERUNG. Für den Winter wünscht sich die Familie etwas Schnee, entspannte und gesunde Menschen. In der Gesellschaft und vor allem in der eigenen Familie. Denn die ist, wie ihnen schon kurz vor der Krise bewusst wurde, das höchste Gut.

 

 

Anja Haider Wallner

 

Schaut Anja aus dem Fenster des Freuraums, sieht sie den umhäkelten Baum. Freunde haben ihn vor knapp einem Jahr zur Eröffnung kunstvoll eingepackt. Der Freuraum ist mehr als ein Lokal. Er ist ein Geschäft, ein Restaurant, gibt Seminaren und Workshops Platz und soll Menschen Begegnungen, Gespräche und Austausch bieten. Und Einigen vor allem Perspektive in Form von Arbeit. Egal ob Gäste oder Angestellte: Alle stehen nun vor verschlossener Türe. Der Shut-down traf Anja Haider-Wallner und ihr Team mit voller Wucht. Sie gründete das als Genossenschaft geführte Projekt, um im gastronomischen Bereich des Freuraums Arbeitssuchenden in einem Beschäftigungsprojekt Aufgabe, Integration und Perspektive zu geben. Diese Beschäftigungsprojekte – sie laufen über das AMS - wurden nicht eingefroren, pausiert oder ausgesetzt, sondern durch die Civid-Unterbrechung ausgelaufen. Das schmerzt Anja besonders. 12 Leute, die nun um ihre Zukunft bangen. Das macht die Landessprecherin der Grünen Wirtschaft, Gemeinderätin, Autorin, zweifache Mutter und Unternehmerin nachdenklich. Nachdenken. Dafür findet sie nun Zeit. Im durchgetakteten Alltag ist sonst kaum Platz für scheinbar banale Dinge, wie gemeinsames Fernsehen am Abend, für Pausen, für Leere. Für Anja ein positiver Aspekt in dieser schwierigen Phase. AMBIVALENZ empfindet sie. Hin- und Hergerissen zwischen Entschleunigung und Sorge. Auch als Mutter erlebt sie die Situation gespalten – während das eine Kind den wegfallenden Druck gut brauchen kann, würde das andere lieber gestern als heute wieder die Schule besuchen. Für Dezember wünscht sie sich Leben im Freuraum. Angestellte, die hier wieder Mut schöpfen. Geschäftiges Treiben am Punschstand vor dem Lokal und viele zufriedene Gäste – denn die Zeit der Schließung wurde auch genützt, um Abläufe zu optimieren, zu verbessern und zu hinterfragen. Dafür war seit der Eröffnung kaum Zeit. Möge der produktive Stress, die vollen Tische und lachenden Gesichter bald wieder Einzug finden, hier rund um den umhäkelten Baum, in der Fanny-Elssler-Gasse - die Wiedereröffnung ist für 12.6. geplant.

 

Familie Ruckendorfer

Cafe Restaurant Ruckendorfer

Langsam verschwindet die Baustelle vor dem Fenster der Ruckendorfers. Was bleibt ist ein neues mehrgeschossiges Gebäude mit Wohnungen, Arztpraxen, Büros und einer Bank. Was ebenso bleibt ist der Optimismus, mit dem die Gastronomiefamilie seit jeher ihr Geschäft betreibt. Ein alteingesessenes Restaurant im Zentrum von Eisenstadt. Gut bürgerliche Küche, eine feine Weinauswahl, persönliches Service. Das macht „den Ruckendorfer“ aus, das macht ihn beliebt bei Stammkunden. Sie sind es auch, die Andreas auch in der Krise den nötigen Rückhalt geben. Seit einer Woche hat er geöffnet. Seit einer Woche ist er beinahe täglich voll. Eine Bestätigung seiner Arbeit, die nun unter erschwerten Bedingungen stattfindet. 10 Plätze hat der junge Gastronom verloren. Den damit verlorenen Umsatz macht das Take-Away Geschäft wett. Etwas, das die gesamte Familie für ihren Betrieb nie für möglich gehalten hätte, waren sie doch in der Küche immer an der Kapazitätsgrenze.

Grenzwertig war auch das Arbeitspensum vor dem Shutdown. Und so hatte dieser auch positive Seiten. Sie genossen die plötzliche Ruhe und Entschleunigung. Dennoch, nach zwei Wochen musste eine Lösung her: Man bot also Tagesteller und einige Schmankerl wie etwa „Schweizerhaus für Zaus: Stelze und Budweiser“ to go an. Andreas und seine Eltern dachten darüber hinaus nach, optimierten den Betrieb. Es wurde UMSTRUKTURIERT. An Feiertagen bleibt nun geschlossen. Sie haben in der Krise gemerkt, wie wichtig auch das Krafttanken mit und in der Familie ist. Seit 20 Jahren haben sie wieder einmal gemeinsame Sonntage verbracht, gemeinsam gegessen.

Was am meisten fehlte, war der getaktete Tag, die Gespräche mit Gästen, der Kundenkontakt. Dafür blieb für Andreas Zeit, um Laufen zu gehen. Auch jetzt läuft er wieder. Allerdings in Gastgarten und Restaurant, um seinen Gästen eine gute Zeit zu ermöglichen.

Es bleibt alles beim Alten und ist doch ganz neu.

 

Seitens der Regierung erhofft er sich Unterstützung. Denn es hilft nicht, wenn Geschäftsessen für die Unternehmer nun höher abzusetzen sind, sie müssten auch stattfinden. Und genau das wünscht er sich für Dezember. Weihnachtsfeiern und Geschäftsessen -  so wie sie immer waren.

 

 

Christiane

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Deutlich weniger Verkehr hörte und sah Christiane in den letzten Wochen vor dem Fenster ihrer kleinen schmucken Hebammenpraxis, in einem Altbau am Eisenstädter Oberberg. Ein Bild, das sie von den Wochenend- und Nachtdiensten im Krankenhaus kennt. Sie arbeitete meist wenn alles schlief. Eine Ruhe, die sie beruhigend fand und immer genoss. In der aktuellen Situation mischt sich in diese Ruhe allerdings etwas Bedrohliches. Ungewissheit, gepaart mit Angst und Unsicherheit. Gefühle, die auch ihre Kundinnen nun vermehrt begleiten. Werdende Mütter, die nicht wissen, ob ihre Partner bei der Geburt dabei sein können, wie die Zeit nach der Entbindung – ohnehin immer fordernd und bewegend – sein würde.

Gerade jetzt sieht Christiane ihre Arbeit wichtiger denn je. Ihre zentrale Rolle: Mut und Kraft geben. Sie ist überzeugt: jede Frau schafft eine Geburt auch alleine. Gesundheitliche Komplikationen natürlich ausgeschlossen. Nötig sind nur der Wille, die Überzeugung und der Glaube an den eigenen Körper. Dafür gibt diese neue Zeit nun Raum. Während Frauen oft von einem zum nächsten Kurs hetzen, vergessen sie, einfach auf ihren Bauch zu hören. In der Schwangerschaft sinnbildlich und inhaltlich gültig.

„Ihre“ Kurse hat Christiane ausgesetzt, viele Telefonkonferenzen standen stattdessen an. Die Hausbesuche wurden auf „möglichst kurz“ und „dringende Fälle“ reduziert. Aber ist für eine frisch gebackene Mutter nicht jede Frage dringend? Ein Balanceakt zwischen gerade ausreichender und unbedingt notwendiger Zeit.

Zeit blieb Christiane nun mehr. Für die eigene Familie. Ihr Mann im Homeoffice, die beiden Kinder im Homeschooling. Gemeinsame Tage, gemeinsame Familienzeit. Sie empfindet diese Zeit als geschenkte Zeit. Wertvoll und unvergesslich.

 

Sie vermisst vor allem die persönlichen Kontakte. Innige Umarmungen und Berührungen. Für frischgebackene Mamas besonders wichtig. Ebenso wichtig ist das Wochenbett. Nun, zwischen Besuchsbeschränkungen und Ausgehsperren wird es endlich so praktiziert, wie es sich die Hebammen schon lange wünschen. Entschleunigt, privat, innig und für sich. Das, so hofft Christiane, mögen sich alle jungen Familien beibehalten, auch wenn Besuche und Begegnungen wieder selbstverständlicher sind. Das, hofft sie, ist im Dezember wieder der Fall.

 

Sigi

Stille. Plötzlich war jedes Knacken zu hören.

Leere Straßen vor dem Fenster. Leere Räume drinnen. Dort, wo sich normalerweise Eltern und Kinder auf dem Weg tummeln, wo im Haus gelacht, gesungen und geweint, gejubelt und getanzt und vor allem viel gespielt wird, war plötzlich Nichts. Eine Leere, die gespenstisch und unwirklich schien. Eine Leere die Sigrid, Leiterin der Kinderbetreuungseinrichtung Krautgartenweg, so nicht kannte. SURREAL empfand sie diese Situation.

Nach der Eröffnung des neu gebauten Hauses mit Start im September hatte sich nun erstmals sowas wie Alltag eingestellt. Man war eingespielt, das Team funktionierte. Und plötzlich kam der Shutdown. Die Kindergarten und Krippe wurden geschlossen, viele Fragen standen im Raum. Und Sigrid war plötzlich allein in diesem riesigen Gebäude.

Sie fand Zeit, Liegengebliebenes wegzuarbeiten, zu Planen und sich mit Kolleginnen auszutauschen. Im Zuge dieses Austauschs, erfuhr sie von Videobotschaften, die eine Pädagogin für „ihre“ Kinder aufnahm. Sigi gefiel die Idee, übernahm sie und fortan gehörten einmal täglich großartig kreative digitale Botschaften zum Programm. Statt Gruppenalltag herrschte Whatsapp-Gruppenalltag. Ein Versuch, den Kindern daheim, etwas des Vertrauten in einer schwierigen Zeit mitzugeben. Es klappte. Wohl auch, weil Sigrid bereits nach kurzer Betriebszeit auf ein tolles Miteinander unter den Betreuerinnen bauen kann.

Ebenso klappte die Aktion jedem Kind einen Regenbogen basteln zu lassen und diese dann in Krippe und Kindergarten anzubringen.

Langsam werden Abläufe wieder etwas mehr so, wie sie vor Corona waren. Vom Alltag sind sie dennoch weit entfernt. Hygienevorschriften, Bringzeiten-Planung und die tägliche Angst, alles richtig zu machen begleiten Sigrid.

So entspannt die ersten Wochen privat waren, plötzlich beide erwachsenen Kinder zurück im Haus, viel gemeinsame Aktivitäten, viel Zeit für Sport, so sehr wünschte sie sich bald den normalen Tagesablauf zurück. Daheim, wie in der Arbeit.

 

Im Dezember, so hofft die passionierte Pädagogin, kann die Nikolausfeier – so wie sie immer war - stattfinden. Wo Kinder, ihr Team und sie, Hand in Hand zusammenstehen. Und das nicht nur bildlich, wie in der Krise, sondern real. Haut an Haut. Herz an Herz.